Rund ums Lektorat

Bekomme ich beim Korrigieren etwas vom Inhalt mit?

4 Kommentare

Letzte Woche wurde ich von zwei Personen unabhängig voneinander gefragt, ob ich eigentlich etwas vom Inhalt mitbekomme, wenn ich Texte Korrektur lese. Hier gebe ich die Antwort – und gebe beiläufig das Versprechen, einen meiner Kunden an einem Millionengewinn teilhaben zu lassen:

1. Korrekturrunde

Jeden Text, den ich korrigiere, lese ich mindestens zweimal. Im ersten Korrektur­durchlauf geht es mir erst mal darum, den Text zu verstehen.

Hier achte ich einerseits darauf, ob

  • Unstimmigkeiten im Text sind,
  • der Text verständlich ist,
  • die Zeiten stimmen und
  • Schreibweisen einheitlich sind.

Andererseits berichtige ich auch schon

  • die Grammatik,
  • Rechtschreibung,
  • Zeichensetzung,
  • Schachtelsätze und
  • Wortwiederholungen.

Ob ich dabei etwas vom Inhalt mitbekomme? Ja. Ansonsten wäre es nicht möglich, auf diese Sachen zu achten. :)

Notizen durcharbeiten

Während der ersten Korrekturrunde mache ich mir Notizen, damit ich nicht großartig aus dem Lese­fluss herauskomme. Die Notizen gehe ich dann anschließend durch.

Mithilfe der Suchfunktion gilt es nun,

  • die Schreibweisen zu vereinheitlichen (einheitlich „sodass“ oder „ so dass“),
  • zu überprüfen, ob gefundene Fehler auch ein zweites Mal auftauchen (meistens ist dem so ;)),
  • das Layout zu überprüfen,
  • ggf. das Inhaltsverzeichnis mit den Titeln abzugleichen und
  • bei kniffligen Stellen, die ich mir zuvor markiert hatte, die Lösung zu recherchieren.

Ist alles erledigt, lasse ich den Text (und meine Augen) eine Nacht ruhen. In 99 % der Fälle korrigiere ich erst am nächsten Tag weiter.

So kann ich garantieren, dass meine Augen wieder frisch auf Fehler­suche gehen können und dass ich genug Abstand zum Text bekomme.

2. Korrekturrunde

Schließlich starte ich in den Endspurt – oder besser gesagt in einen gemächlichen Spazier­gang. Die zweite Korrektur­runde geht nämlich in gemäßigterem Tempo vonstatten.

Das liegt unter anderem daran, dass ich dabei viel näher am Text bin – buchstäblich: Ich zoome den Text auf 240 %, manchmal sogar auf 260 % heran, sodass ich möglichst nah an den Buchstaben bin.

Dann schnappe ich mir meinen Korrektur­stift (einen umfunktionierten Eingabe­stift fürs Tablet mit Gummi­spitze, damit ich meinen Bildschirm nicht zerkratze, falls ich mal ausrutsche). Mit dem Stift fahre ich dann Buchstabe für Buchstabe über den Text.

Dabei geht es mir dann vor allem darum, dass

  • jedes Komma sitzt,
  • kein Buchstabendreher im Wort ist,
  • die Grammatik stimmt
  • und auch sonst alles „rund“ klingt.

Hier mache ich sozusagen den sprachlichen Feinschliff.

Während es beim ersten Korrektur­durchlauf eher um die Makro­perspektive ging, nehme ich die Buch­staben und Sätze im zweiten Durch­lauf eher aus der Mikro­perspektive wahr.

Aber auch dabei geht der Inhalt nicht völlig an mir vorbei. Auch in der zweiten Korrektur­runde fallen mir noch sprachliche und inhaltliche Auffällig­keiten auf, da ich den Text beim zweiten Lesen nun schon kenne und so auf neue Aspekte achten kann.

Möchtest du sehen, wie ich das mache? Ich habe ein kurzes Video davon gedreht, wie ich Buchstabe für Buchstabe einen Beispiel­text korrigiere. Hier kommst du zum Video.

Und wie viel bleibt davon hängen?

Würdest du mir am nächsten Tag Fragen zum Text stellen, könnte ich dir vermutlich noch einige beantworten.

Bei Texten, die ich sehr interessant finde, bleibt natürlich mehr hängen als bei solchen, die viele fachfremde Begrifflich­keiten oder mathematische Formeln beinhalten.

Auf Dauer vergesse ich die meisten Sachen vermutlich wieder. Ich habe aber ehrlich gesagt auch noch nicht versucht, den Inhalt eines Texts wiederzugeben, den ich vor zwei Jahren korrigiert habe.

Wenn ich alle Inhalte von jedem Text, den ich je korrigiert habe, behalten würde, wäre ich jetzt wohl ein Genie. :D

Aber wer weiß: Vielleicht sitze ich eines Tages bei „Wer wird Millionär“ und kann die Millionen­frage nur deshalb beantworten, weil ich zu diesem Thema einen Text korrigieren durfte. Der Kunde kriegt dann aber was vom Gewinn ab – versprochen! ;)

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FS
Frauke Schramm

Liebe Susanne, das ist (zumindest bei manchen Texten) sicherlich eines der geheimen Highlights - der Einblick in ziemlich viele spannende Gebiete :-)
Respekt für Deine Geduld, in den Text "reinzuzoomen" ... dafür bin ich ganz oft zu ungeduldig ;-) Ich finde viele Fehler "intuitiv", aber lääääängst nicht alle (dafür werde ich dann zukünftig auf Dich zukommen, wenn's wirklich RICHTIG richtig sein muss!)
Liebe Grüße, Frauke

SS
Susanne Schaffer

Liebe Frauke,

da hast du recht – was ich schon alles durchs Korrigieren kennengelernt habe!

Sehr gerne darfst du auf mich zurückkommen. Ich würde mich freuen, dir weiterzuhelfen und auch in dein spannendes Social-Media-Thema Einblicke zu erhalten.

Herzliche Grüße
Susanne

SL
Sandra Liane Braun

Das war mal gut zu lesen :-) Die Frage - wie der Profi das macht - habe ich mir auch schon gestellt und in der Tat habe ich sie (für mich) genauso beantwortet. In meinem früheren Angestellten-Job habe ich unzählige Diplom-, Bachelor- und Masterarbeiten Korrektur gelesen und dabei regelmäßig in erschrockene Augen geschaut, wenn die Texte an die/den Ersteller*in zurück ging ;-)

Glaubst Du, dass das nur auf Dich zutrifft oder auch auf andere Lektoren und/oder Korrektoren?

SS
Susanne Schaffer

Hallo Sandra,

danke dir! Ja, das glaube ich dir.

Von zwei Kolleginnen weiß ich, dass sie ähnlich arbeiten wie ich. :)

Herzliche Grüße und ein sonniges Wochenende
Susanne

Bitte rechnen Sie 5 plus 2.