Rechtschreibtipp

Pluralis Majestatis – solltest du „wir“ oder „ich“ schreiben?

1 Kommentar

Der Gründer beendete gerade seinen Pitch und blickte erwartungs­voll zu den Investoren.

Eine ganz normale Szene in der TV-Show „Höhle der Löwen“, die ich gerne anschaue. Was nicht normal war bzw. womit der Gründer vielleicht nicht gerechnet hatte, war die Verständnis­frage von Carsten Masch­meyer nach dem Pitch in der 9. Staffel:

„Wer ist wir?“

Der Gründer hatte seinen Pitch nämlich in der ersten Person Plural, also in der Wir-Form vorge­tragen, obwohl er alleine war. Der Gründer antwortete etwas verlegen: „Ich und die sieben Stimmen in meinem Kopf.“

Ich schmunzelte und notierte mir die Szene in meiner Blog­artikel-Ideen-Liste. Bevor ich das Stichwort notieren konnte, kam mir Georg Kofler schon zuvor: Er erklärte dem Gründer, dass er den Plu­ra­lis Ma­jes­ta­tis verwendet hat. Und als der Gründer weiter­sprach, verbesserte dieser sich direkt selbst: „Wir, äh, ich meine, ich ...“

Und auch vor ein paar Wochen passierte in der aktuellen 10. Staffel etwas Ähnliches: Die Gründerin sprach ebenfalls in der Wir-Form und verbesserte sich dann auch. Sie erklärte: „Ich sage immer ‚wir‘, aber eigentlich meine ich nur mich.“

„Wir“ auch auf Websites

Ich berichte dir hier von zwei Szenen, die sich nicht nur in TV-Shows abspielen, sondern täglich auf vielen Websites:

Einzelne Personen sagen oder schreiben nicht „ich“, sondern „wir“. So auch Soloselbst­ständige in ihren Website-Texten.

Pluralis­formen im Deutschen

In der Wir- statt in der Ich-Form zu schreiben ist im Deutschen auch einzelnen Personen „erlaubt“. Nicht alle Wir-Formen haben aber die gleiche Funktion.

Daher differenzieren wir kurz zwischen den verschiedenen Pluralis­formen im Deutschen. (Ha, jetzt habe ich auch in der Wir-Form gesprochen – gleich weißt du, welche Form das war.)

Also, diese Formen gibt es:

Pluralis Majestatis

    • = Plural der Majestät
    • Funktion: sich selbst als besonders angesehen/würdig darstellen
    • Beispiel:  „Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser“

Pluralis Auctoris

    • = Autorenplural
    • Funktion: Einverständnis mit dem Leser herstellen
    • Beispiel: mein Satz von oben: „Differenzieren wir kurz zwischen den verschiedenen Pluralis­formen im Deutschen.“

Pluralis Modestiae

    • = Bescheidenheits­plural
    • Funktion: Bescheidenheit ausdrücken und sich selbst nicht hervorheben
    • Beispiel: „Wir haben das gut gemacht!“

Pluralis benevolentiae

    • = Plural des Wohl­wollens
    • Funktion: Nähe zum Angesprochenen herstellen
    • Beispiel: „Haben wir heute schon unsere Tabletten genommen?“

Wie Georg Kofler schon sagte, handelt es sich bei der Wir-Form, die in Marketing­texten verwendet wird, um den Pluralis Majestatis. Der Selbst­ständige würde sich selbst zwar nicht als königlich bezeichnen, dennoch soll damit eine gewisse Größe und Wichtigkeit erzeugt werden.

Denn „wir“ klingt vermeintlich stärker als „ich“. Aber es gibt 2 Gründe, warum du trotzdem einfach „ich“ schreiben solltest:

2 Gründe, warum du „ich“ und nicht „wir“ schreiben solltest:

1) Du verwirrst deine Leser

Wenn dein potenzieller Kunde das erste Mal deine Website besucht, weiß er vermutlich noch nicht allzu viel über dich. Er hat deine Website ja gerade deshalb angeklickt, weil er sich ein näheres Bild von dir und deiner Arbeit machen möchte.

Wenn der Text nun in der Wir-Form geschrieben ist, dein potenzieller Kunde aber die ganze Zeit nur Fotos von dir sieht, kein Team vorgestellt wird und du auch alleine im Impressum stehst, dann ist dein Leser verwirrt. Wer ist dieses Wir?

Verwirrung solltest du vermeiden, damit dein Interessent nicht wegklickt und zu einem Mitbewerber geht, wo er klar weiß, was er bekommt und vor allem: von wem.

2) Du spielst falsche Tatsachen vor

Man verwirrt seinen potenziellen Kunden aber nicht nur, wenn man im Pluralis Majestatis schreibt. Eigentlich spielt man ihm auch falsche Tatsachen vor.

Denn wenn dein Website-Besucher auf der Startseite als Erstes liest „Wir sind eine Grafik­agentur und unterstützen Berater dabei, professionell nach außen aufzutreten“, denkt der Interessent direkt an eine große Agentur und nicht an eine One-Man- oder One-Woman-Show.

Vielleicht will er genau das: eine große Agentur. Und dann solltest du ihm keine falschen Tatsachen vorspielen, sondern klar kommunizieren, dass du alleine deine Kunden unterstützt.

Mir wurde neulich etwas erzählt, was mich doch ziemlich schockiert hat: Zwei Selbst­ständige, die sich als Grafiker zusammen­getan haben, haben am Tag, als ein wichtiger Kunde kam, Schauspieler (!) engagiert, die als Mitarbeiter vorgestellt wurden. Um größer und wichtiger zu wirken und ihre große „Agentur“ zu präsentieren.

Ich vermute, dass du nicht so bist und solche Spielchen entschieden ablehnst. Daher solltest du damit direkt in deinem Text anfangen und einfach in der Ich-Form schreiben: Ich bin Grafik­designerin und unterstütze Berater.

Denn denk daran: Nicht jeder Kunde will von einer großen Firma bedient werden. Es hat viele Vorteile, wenn du sowohl Inhaber als auch Ausführender bist. Du musst dich damit nicht klein fühlen und hinter einem vermeintlich wichtigeren Wir verstecken! :)

Und was ist mit der dritten Person?

Auf manchen Websites kommt es auch vor, dass entweder die gesamten Website-Texte oder nur die Über-mich-Seite in der dritten Person formuliert wurde: „Maja Muster­frau ist Business-Coach und unterstützt seit 10 Jahren ihre Kunden …“

Wie sieht es damit aus?

Meine Meinung ist: Bleib auf deiner Website beim Ich und rede von dir auch nicht in der dritten Person.

Fazit

Die deutsche Sprache ist vielfältig: So ist es möglich, z. B. auf der Website „wir“ oder „ich“ oder sogar „er/sie“ zu schreiben.

Ich empfehle dir, all deine Texte einfach in der Ich-Form zu schreiben – natürlich nur, wenn du auch Solo­preneur bist. Damit deine potenziellen Kunden direkt und ohne Miss­verständnisse wissen, dass du derjenige bist, der die Leistung anbietet. Außerdem spielst du dich damit nicht größer auf als du bist – und zeigst damit deinen Website-Besuchern, dass sie dir vertrauen können.

Und Vertrauen ist im schnell­lebigen Online-Business nun mal einer der wichtigsten Faktoren, die zwischen Weg­klicken und Kaufen entscheiden. :)

 

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BC
Berit Coenen

Wieder mal ein sehr interessanter und unterhaltsam geschriebener Blogartikel, liebe Susanne :)
Ich finde dieses „Wir“ um sich als Soloselbstständige/r emporzuheben total albern ;)

Hab ein schönes Wochenende und bis bald,
Berit

 

Antwort von Susanne Schaffer

 

Liebe Berit,

danke schön! Genau, da sprichst du mir aus der Seele. :)

Herzliche Grüße
Susanne

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